Educafé ·24. September 2026

KI hat gute Aufgaben nicht zerstört.

Sie macht sichtbar, welche Aufgaben bisher vor allem fertige Produkte statt Lernen und Denken gemessen haben.

Die KI darf Material erzeugen, Vorschläge machen und simulieren. Die Lernenden prüfen die KI-Ergebnisse, übernehmen, verändern oder verwerfen sie und begründen ihre Entscheidungen.

Der Ausgangspunkt

Vom Lernziel her planen

Nicht mit der Frage beginnen, ob KI erlaubt oder verboten ist. Zuerst wird geklärt, was Lernende selbst verstehen, beurteilen und tun können sollen. Erst danach folgen der passende Lernnachweis, die Lernaktivität und die Rolle der KI.

  1. 01

    Lernziel bestimmen

    Was sollen die Lernenden am Ende wissen, können und als bedeutsam erkennen?

  2. 02

    Lernnachweis festlegen

    Woran lässt sich erkennen, dass dieses Ziel tatsächlich erreicht wurde?

  3. 03

    Lernweg gestalten

    Welche Aktivitäten unterstützen das Lernen, und wo hilft oder stört KI dabei?

Quelle: MIT Teaching + Learning Lab: «Backward Design» nach Wiggins und McTighe.

Danach diagnostizieren

Zwei Fragen aus Barbara Geyers Polmodell

Wenn das Lernziel feststeht, zeigen zwei Fragen, ob das Aufgabenformat individuelles Verstehen überhaupt sichtbar machen kann.

«Wer Aufgaben jetzt neu baut, baut sie nicht gegen KI, sondern für das, was Prüfungsdesign schon immer leisten sollte: eine klare Trennung zwischen Verstehen und Vortäuschen.»

Quellen: Barbara Geyer: «Das Polmodell» (Substack) und «Welche Aufgabenstellungen funktionieren in Zeiten von KI noch?» (LinkedIn).

Das Polmodell

Drei Zonen mit unterschiedlichem Aussagewert

Barbara Geyers Polmodell fragt, was sich aus einem Lernprodukt tatsächlich über die Kompetenz einer einzelnen Person schliessen lässt.

Wichtig: Bei einer formativen Lernaufgabe kann ein KI-Produkt sehr nützlich sein. Es darf nur nicht allein als Nachweis selbst aufgebauter Kompetenz behandelt werden.

Quellen: Barbara Geyer: «Das Polmodell» (Substack) und der ergänzende LinkedIn-Beitrag.

Aufgaben gestalten und prüfen

Fünf Fragen: vier Gestaltungsebenen und ein abschliessender Check

Die ersten vier Fragen gestalten die Arbeitsteilung zwischen Lernenden und KI. Die fünfte prüft, ob daraus tatsächlich Verstehen entstehen kann.

  1. 01

    Lernziel und Agency

    Was sollen Lernende selbst verstehen, beurteilen und tun können?

  2. 02

    Kognitive Aktivität

    Welches Denken verlangt die Aufgabe? (z. B. erklären, vergleichen, begründen)

    Bloom als Denk-Werkzeugkasten mit sechs Denkbereichen und handlungsnahen VerbenBloom-Verben als Denkimpulse öffnen
  3. 03

    Rolle der KI

    Was darf oder soll die KI leisten? (AIAS)

    Deutsche Fassung der AI Assessment Scale (AIAS) v2.1 mit fünf Stufen der KI-Nutzung in Aufgaben
    AIAS-Grafik öffnen:deen
  4. 04

    Anspruch an die Lernenden

    KI-Ergebnisse prüfen, übernehmen oder verändern – und die Entscheidung begründen («Lernspuren»)

  5. 05

    Validitätscheck

    Bewirkt die Aufgabe tatsächliches Verstehen oder produziert sie nur überzeugenden Output?

(Diese fünf Fragen enthalten Ideen und Erkenntnisse aus verschiedenen Quellen: Lernziel und Agency / ICAP nach Chi und Wylie / AIAS 2.1 / «Lernspuren» / B. Geyers Trennung von Verstehen und Vortäuschen.)

Kleine Eingriffe

Drei Wege, eine Aufgabe umzubauen

Vor dem Umbau hilft ein kurzer KI-Stresstest: Wo ermöglicht die Aufgabenstellung bereits überzeugenden Output ohne das beabsichtigte Denken?

Kurztest nach Doan Winkel: «Before I assign anything, I ask AI to cheat on it». Ausführlicher Prüf- und Umbauprompt von François Jourde.

Hinweis: Paul Matthews · Beitrag zur Neugestaltung von Aufgaben mit KI.

01

Ersetzen

Statt eines traditionellen Aufsatzes, der leicht von einer KI erzeugt werden kann, wird das Kernformat durch eine Aufgabe ersetzt, die eine persönliche Leistung oder Interaktion in Echtzeit erfordert.

Beispiele: Live-Rede, Videopräsentation, Podcast, interaktive Debatte oder Viva-voce-Prüfung (mündliche Prüfung)

02

Ergänzen

Das Produkt bleibt, verlangt aber zusätzlich Begründungen, Quellenkontrolle, Änderungsentscheidungen oder ein Fachgespräch.

Beispiele: handschriftliche Reflexion im Unterricht; eine kommentierte Quellenliste, in der erläutert wird, warum die Quellen ausgewählt wurden

03

Etappieren

Der Weg wird sichtbar: eigener Anfang, begrenzte KI-Phase, Prozessartefakt und menschlicher Abschluss werden verbindlich.

Beispiel: einen mehrwöchigen Aufsatz in verbindliche, im Unterricht bearbeitete Zwischenetappen aufteilen, etwa gemeinsame Ideensammlungen, Feedbackrunden zur Gliederung und betreutes Schreiben am Entwurf

Praxisbeispiele

KI-Output wird zum Prüfmaterial

Schreiben im Sandwich-ModusSprachen · KI als Feedbackpartnerin

Herkömmliche Aufgabenstellung

Ein fertiger Text wird abgegeben; die Entwicklung bleibt unsichtbar.

Umbau

Die Lernenden schreiben zuerst selbst. Danach erhalten sie sprachliches und strukturelles KI-Feedback, prüfen die Hinweise und überarbeiten gezielt.

Benutze z. B.
GPT-BotChatGPT-Konto erforderlich

Sichtbarer Lernnachweis

Ausgangstext, ausgewählte Feedbackhinweise, überarbeitete Fassung und eine kurze Begründung der wichtigsten Entscheidungen.

Wortschatzgeschichte als PrüfmaterialFranzösisch · KI erzeugt ein prüfbares Artefakt

Herkömmliche Aufgabenstellung

Neuer Wortschatz und neue Formen werden anhand eines einzigen vorgegebenen Textes aus dem Kursbuch besprochen und gelernt.

Umbau

Die Lehrperson oder die Lernenden erstellen aus einer vorgegebenen Wortliste einen oder mehrere eigene Texte. Das kann eine «coole» Geschichte wie im Beispiel hier oder ein Text aus einem Interessengebiet der Schüler:innen sein. Die entstandenen Texte werden anschliessend kritisch beleuchtet.

Sichtbarer Lernnachweis

Markierungen im KI-Text, begründete Korrekturen, die sprachlichen Entscheidungen der Gruppe sowie Erklärungen zur Bedeutung der vorgegebenen Wortschatzelemente im neu entstandenen Kontext.

Literaturarbeit zu The Great GatsbyLiteratur · KI als zusätzliche Lesart

Herkömmliche Aufgabenstellung

Eine Figurenanalyse oder Interpretation wird nur als Endprodukt beurteilt.

Umbau

Eigene Beobachtungen entstehen vor der KI-Nutzung. Anschliessend vergleichen die Lernenden sie mit einer KI-Zusammenfassung oder einer simulierten Figurenstimme.

Sichtbarer Lernnachweis

Textbelege, angenommene oder verworfene KI-Ideen und ein eigenes literarisches Urteil. Die Simulation wird als Modellkonstruktion gekennzeichnet.

Weitere Fächer

Diese Entwürfe sind bewusst relativ allgemein gehalten. Die konkreten Quellen, Kriterien und fachlichen Sicherungen ergänzt die jeweilige Lehrperson.

Geschichte und Politik

Aufgabe: Zwei KI-Darstellungen eines historischen Ereignisses oder politischen Konflikts mit einer im Unterricht behandelten Quelle vergleichen.

Menschliches Urteil: Die Lernenden markieren Behauptungen, Perspektiven und Auslassungen und formulieren ein quellenbasiertes Urteil.

Mathematik

Aufgabe: Zuerst einen eigenen Lösungsansatz skizzieren, danach mit einer KI-Lösung vergleichen und die erste Abweichung untersuchen.

Menschliches Urteil: Die Lernenden prüfen rechnerisch oder grafisch, welcher Schritt trägt, erklären den Fehler und lösen anschliessend eine kurze Transferaufgabe ohne KI.

Naturwissenschaften

Aufgabe: Vor einem Versuch eine eigene Prognose festhalten. Nach der Messung schlägt die KI eine Interpretation der Daten vor.

Menschliches Urteil: Die Lernenden vergleichen Prognose, Messwerte und KI-Deutung, benennen Unsicherheiten und begründen ihre Schlussfolgerung.

Berufskunde und Wirtschaft

Aufgabe: Einen realistischen Kundenauftrag mit Zielgruppe, Budget und lokalen Bedingungen bearbeiten. Die KI liefert mehrere Lösungsvorschläge.

Menschliches Urteil: Die Lernenden legen Kriterien fest, wählen oder verändern einen Vorschlag und verteidigen ihre Entscheidung in einem kurzen Gespräch.

Gestalten und Kunst

Aufgabe: Eine menschlich entwickelte, eine KI-generierte und eine gemeinsam entwickelte Fassung gegenüberstellen.

Menschliches Urteil: Die Lernenden erläutern Absicht, gestalterische Entscheidungen, Urheberschaft und ethische Grenzen und begründen ihre bevorzugte Fassung.

Für Lernende

Vier Prüflinsen für KI-Ergebnisse

01

Sprachliche Ausgestaltung

Wie überzeugend, klar und adressatengerecht wirkt das Ergebnis?

02

Gültigkeit

Welche Aussagen sind belegt und welche müssen überprüft werden?

03

Annahmen

Was setzt die Antwort voraus, ohne es ausdrücklich zu nennen?

04

Verantwortung

Wer entscheidet über Verwendung, Veröffentlichung oder Umsetzung?

Aufgabenwerkstatt

Eine schwache Aufgabe gemeinsam umbauen

«Erkläre die Photosynthese.»

Eine KI liefert dazu in wenigen Sekunden eine fachsprachlich überzeugende Standardantwort. Am fertigen Text ist kaum erkennbar, ob die Lernenden die Stoff- und Energieumwandlung tatsächlich verstanden haben.

  1. Lernziel schärfenWelche Zusammenhänge der Photosynthese sollen die Lernenden selbst erklären können?
  2. Zwischenschritt einbauenWas skizzieren oder prognostizieren sie, bevor sie die KI befragen?
  3. Prüfung und Transfer ergänzenWelche Prüfung, Überarbeitung oder neue Situation macht ihr Verständnis sichtbar?

Mögliche Neufassung: Vor der KI zeichnen die Lernenden ein Prozessmodell und kennzeichnen Stoff- und Energieumwandlung. Dann vergleichen sie eine KI-Erklärung mit ihrem Modell und dem Unterrichtsmaterial, markieren Übereinstimmungen und Unterschiede und überarbeiten ihr Modell begründet. Zum Schluss beantworten sie ohne KI eine Transferfrage: «Was verändert sich, wenn Licht oder CO₂ knapp wird?»

Quellen und Vertiefungen

Modelle, Praxiswerkzeuge und Kontext

Die beständige Aufgabe ist jene, bei der Lernende ohne eigenes Denken nicht bestehen.